Im Rahmen der CYNETART präsentiert die Slowenin Robertina Šebjanič ihr Projekt „Aurelia 1 + Hz/proto viva sonification“. Beim Konzert performt sie gemeinsam mit Mondquallen. Die Interaktion der Quallen untereinander und ihre Beziehung zum Menschen stehen dabei im Mittelpunkt des Projekts.

Kannst Du uns bitte den Aufbau und die Intention der Aufführung erläutern? Woher kommt das Interesse an dem Thema? Wie bist Du überhaupt auf die Idee gekommen?
In den letzten Jahren habe ich viel daran gearbeitet, das nicht-menschliche Subjekt zu verstehen, besonders jetzt in der Zeit des Anthropozän, die Zeit, in der der menschliche Abdruck auf dem Planeten so präsent ist. Während meiner Forschungstätigkeit in der Meeresstation von Izmir in der Türkei 2014, die auch die Tiefen des Mittelmeers einschloss, begann ich mich mit der Beziehung zwischen uns und dem Meeresorganismus, im konkreten Fall Quallen und ihrer Umwelt, zu beschäftigen. Quallen sind einer der seltenen Lebewesen, die sich für das Anthropozän hervorragend eignen. Sie überleben das nächste Massensterben, da sie gegen viele Veränderungen in den Ozeanen und Meeren resistent sind. Eine der Herausforderungen des Projekts bestand darin, die Quallen als „unbekannte“ Art der Öffentlichkeit nahe zu bringen. Dabei geht es nicht darum, ein Tier im Aquarium in der Galerie zu zeigen, sondern eine solide künstlerische und wissenschaftliche Interpretation zu ermöglichen.

Warum ist das Verständnis der Beziehung zwischen Mensch und Tier der Schlüssel zum besseren Verständnis unserer Umwelt?
Die nicht-menschliche Subjektivität ist wichtig zu verstehen und zu begreifen - besonders jetzt in der anthropozänen Epoche, wo der Mensch einen so großen Einfluss auf den Zustand unseres Planeten hat. Eine Zeit, in der es aussieht, als würden wir in einer unruhigen Welt leben (um Donna Haraway zu zitieren). Wir alle müssen unser Verhältnis zur Umwelt und was sie für uns bedeutet, neu überdenken. Da wir alle nur Besucher auf dem Platen sind, teilen wir ihn uns auch mit anderen Lebewesen. Trotzdem nutzen wir desssen Waren und Ressourcen aus, indem wir ihn als selbstverständlich betrachten.

Was können wir von der Quallen-Kommunikation untereinander lernen?
Quallen gehören zu den ältesten Arten der Erde, sind 650 Millionen Jahre alt und bestehen hauptsächlich aus reinem Wasser, und dennoch gibt es kein Verständnis für das Kommunikationssystem von Quallen. Sie vermehren sich aufgrund der günstigen Temperaturen schneller in den Ozeanen. Während der Projektentwicklung habe ich die Aurelia Aurita (Mondquallen) durch direkte Beobachtung, ihre Sensoren und Reaktionen auf ihre Umgebung studiert, um das biologische Kommunikationssystem durch künstlerische Erforschung zu verstehen. Da die Mondquallen in der Biologie ein Modellorganismus sind, wurde bereits viel geforscht. Es ist allgemein bekannt, dass sie mit chemischen Komponenten miteinander kommunizieren. Ob sie aber auch mit dem Schall kommunizieren, ist noch unbekannt.

Wie werden die Bewegungen der Qualle in Geräusche umgewandelt?
Der Sound der Performance von Aurelia 1+Hz proto viva sonification besteht aus Klangschichten, die während der Veranstaltung gemischt werden. Die erste Schicht ist Live-Sound, der über ein Location-Tracking-System der Aurelia Aurita (Mondqualle) erzeugt wird. Die von einer Raspberry Pi Kamera erfassten Daten werden dann in Echtzeit über einen Algorithmus in Klang umgewandelt. Eine zweite Klangschicht ist die Interaktion mit einer Reihe von archivierten Klangmaterialien, die ich im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts an den Ufern von Izmir mit Hilfe seismischer Technik durch Hydrophone aufgenommen habe.

Wie korreliert die Performance-Proto-Viva-Sonifikation mit der Installation des Proto-Viva-Generators im Rahmen des Aurelia 1+Hz Projektes?
Das Projekt Aurelia 1+Hz ist in zwei Teile gegliedert. Die Installation - Aurelia 1+Hz / proto viva generator (2014) befasst sich mit der Biopolitik, der Verlängerung des menschlichen Lebens und der Beziehung zwischen Mensch und Tier, der Grundgedanke des Projektes war es, das Zusammenleben von Mensch und Maschine in dieser „neuen normalen“ Situation zu thematisieren. Es wirft eine Reihe von Fragen auf, wie z. B. welche Zukunftsszenarien in der Medizin auf uns warten, insbesondere die Verlängerung unserer Lebensspanne.Die audiovisuelle Performance - Aurelia 1+Hz / proto viva sonification (2015) untersucht eine neue kritische Neudefinition gesellschaftlicher Werte und eine neue Haltung zum Zusammenleben zwischen den Spezies. Sie wird als performativer Akt präsentiert, bei dem ich gemeinsam mit Mond-Quallen auftrete und wir alle zu immersiven akustischen und visuellen Erfahrungen verschmelzen.

Webseite: www.cynetart.org

Autor: Philipp Demankowski / Robertina Šebjanič (17.11.2017)
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