Wer ist Shannon Soundquist?
Man könnte denken, das ist der Name einer Frau, aber es ist eine Referenz auf das Shannon-Nyquist-Theorem, das die physikalischen Grundlagen des Samplings erklärt. Als Shannon Soundquist mache ich Sound-Art-Kompositionen, Radio und lege female* Dark Techno, Synth/Wave oder (T)Rap auf.

Wie fing es an?
2002 hat eine Freundin einen psychedelischen Abend in einem befreundeten Wohnprojektorganisiert und mich überredet, mit ihr zusammen Undergroundmusik der 60er Jahre aufzulegen. So fing's an. Kurze Zeit später haben wir eine Sendereihe zu diesem Genre im Piratenradio "Outaspace" zusammen produziert. Mir wurde klar, mit dem Auflegen bekommt man wesentlich mehr Anerkennung als mit dem Kochen bei einer Küfa. Leider. Diverse gestandene DJs aus dem dortigen Freetek-Umfeld haben mich beim Auflegen-Lernen unterstützt, z.B. DJ Low Key (Sabotage), der auch elektronischer Live-Musiker ist.

Ich habe mich dann mehr der elektronischen Musik zugewendet und hatte damals schon das Bedürfnis, Musik von Frauen aufzulegen. Mitte der Nuller Jahre hat man ja nur mit Vinyl aufgelegt (CDs waren uncool, mp3-auflegen gabs noch nicht).Auf Nachfrage im Plattenladen wurde mir erstmal gesagt: "Elektronische Musik von Frauen gibt's nicht." Natürlich gab's die.
Irgendwie bin ich mit der Frickelelektronik in der damaligen Freetek-Szene nicht vorangekommen, die damals sehr Hardtek- und D'n'B-dominiert war, hab mich aber auch nicht drum gerissen. In der von Chemodrogen und Hartalk dominierten Atmosphäre, wo man es sich immer so ungemütlich wie möglich gemacht hat, habe ich mich latent unwohl gefühlt. Gleichzeitig habe ich Second-Hand-Platten aus den 70er und 80er Jahren gekauft und mich auf Post Punk und Synth Pop dieser Zeit konzentriert. In diesen Genres gab es viele Frauen als Musiker*innen und es kommen andere Formen von Identitäten und Lebensentwürfen zum Ausdruck, für mich sehr spannend. Es sind Musiken, die das Anliegen von Punk konsequenter umgesetzt haben als Punk selbst.2005 war ich dann in die Organisation des ersten Dresdner Ladyfestes involviert.Endlich kamen Feminismus und Popkultur stilvoll zusammen.
Ich wendete mich dann einige Jahre vom DJing ab und dem Musikmachen zu, weil mir der allgemeine Vinyl-Fetisch auf den Geist ging. 2011 suchte die Kuratorin Katja Dannowski in Dresden eine elektronische Musikerin für eine Ausstellungseröffnung und überredete mich zu meinem ersten Live-Set mit meiner eigenen Sound Art.
Ungefähr 2013 zeigte mir eine Freudin, DJ L_sa, wie sie digital auflegt. Für mich war das interessant, weil ich nun jenseits vom Vinyl-Fetisch die ganze Underground-Musik auflegen konnte, die nie auf Vinyl erschienen war. Ich wurde für eine Party angefragt, female* Hip Hop aufzulegen, und ich recherchierte dafür mp3s und Artists, was das Zeug hielt. Seitdem spiele ich auch in meiner Radiosendung "zerrspiegel" auf coloRadio fast ausschließlich weibliche Artists.
Mittlerweile habe ich mir wieder Platten zugelegt, viel Dark Techno aber auch Wave, klugeMusik von klugen Frauen. Den Anspruch, rein weibliche Sets zu spielen, habe ich behalten. Es ist nicht so leicht, genug Platten von Frauen* in einem einzigen Subgenre zu finden, deswegen sind die Sets stilistisch diverser.

Hast du ein Ziel?
Erstmal wünsche ich mir, dass viele dieser unglaublich tollen Techno-, Acid- und Wave-Produzentinnen, die ich gern auflege(n würde), ihre Tracks auf Vinyl veröffentlichen können. Ich denke da an Alben von Leuten wie Irradiation aus Wien, die sich als Labelchefin von temp~records kein Vinyl leisten kann, oder an Elektronikerinnen aus Osteuropa oder Asien. Das ist natürlich kein persönliches Ziel. Ich arbeite daran, dass Hörspiele und Features von mir im öffentlich-rechtlichen Radio laufen. Ein persönliches Ziel für "irgendwann mal" ist eine Vinyl-EP von mir selbst auf einem tollen Label.

Wo würdest du gern mal spielen?
In Clubs mit guten Anlagen bzw. da, wo ich selbst gern hingehe, weil dort das Verhältnis von Kunst/Musik und Politik stimmt und wo die Produktionsbedingungen von elektronischer Musik mitreflektiert werden:

Beim Tolerave, auf dem CTM-Festival und Heroines of Sound Festival in Berlin, Cynetart, auch auf dem Fusion-Festival. Dort würde ich auch ganz gern meine Live-Sets spielen.
Ich wünsche mir natürlich weiterhin so tolle Gigs wie im Objekt klein a, about blank, dgtl fmnsm usw., auf Partys in finsteren Kellerlöchern, auf politischen Veranstaltungen, Ausstellungseröffnungen, auf kleinen lustigen Festivals mit nichtkommerziellen Anspruch, in Clubs mit tollen Anlagen.

Was kommt als nächstes?
Erstmal mache ich einen experimentelleren Mix für die Zeitschrift "Documnt". Dann lege ich am 20. Oktober auf der "Oevre Drag Party" im IFZ auf, und am nächsten Tag spiele ich voraussichtlich eine Live-Set beim PorYes-Filmfestival in Berlin. Am 25. Oktober werde ich 20-22 Uhr Electric Indigo live im coloRadio interviewen, was eine öffentliche Veranstaltung sein wird, ihr könnt dazu kommen.
Ich werde demnächst Dancefloor-kompatiblere Live-Sets entwickeln, die dennoch mit Sprachsamples arbeiten und auf einer Erzählebene funktionieren. Ich bin selbst schon gespannt, was dabei herauskommt. Vielleicht mache ich verschiedene Varianten für Radio, Chillfloor und Dancefloor. Außerdem werde ich ein etwa einstündiges soundbasiertes Hörspiel produzieren. Den Text dafür habe ich schon geschrieben.

Wie ist es als Frau in einer von Männern dominierten Szene?
Das kommt ganz darauf an, wie die Männer (und ich) so drauf sind. Es gibt da ganz tolle, die haben mir beim Lernen des Produzierens sehr geholfen wie z.B. Parmon, Bad Comfort (beide vom Netlabel Phonocake), Transalp, Cyclotron, Denis von Preglow u.a. manche von ihnen sind Feministen, tolle Musiker sind sie alle.
Solange man sich im nichtkommerziellen Underground aufhält, ist häufig alles sehr solidarisch. Auch mit unserem DJ-Kollektiv Prozecco erfahren wir da viel Unterstützung – von uns gegenseitig, von anderen DJs wie z.B. Anna Adams oder Coline, von Partyveranstalter*innen und Clubs.

Es gibt natürlich auch doofe Erfahrungen, die irgendwie alle damit zu tun haben, dass man unterschätzt wird, nicht gesehen wird, übersehen. Sowas kränkt und kostet Extra-Energie, die dann woanders fehlt. Scheinbar ist dieses Feld stark mit "Männlichkeit" verknüpft, was zumindest historisch und auch sonst nicht stimmt, denn unter den Elektroniker*innen waren und sind echt viele Frauen.
Wenn eine dann vom DJing oder Musik leben muss, sieht die Sache schon ganz anders aus. Mittlerweile gibts eine ganze Reihe Clubs, die aus dem Underground heraus entstanden, wo Frauen* hauptberuflich als DJ tätig sind und das Geld halbwegs reicht. Aber bei Festivals, also bei prestigeträchtigen Ereignissen, wo man in der Aufmerksamkeitsökonomie wirklich weiterkommt, sieht es schlecht aus. Das Netzwerk Female:Pressure rechnet jedes Jahr aus, dass nur 10-15% weibliche Artists auf Festivals spielen.

Hättest du Tipps für andere, die das tun wollen?
Geht in Workshops, da gibt's immer einen Kreativitäts- und Selbstbewusstseinsschub! Verfallt als DJs nicht in Narzissmus sondern helft euch gegenseitig, verweist auf andere! Vernetzung und Solidarität halten länger als Egotrips.Verschiedene Leute geben immer mal wieder Workshops zu DJing, Produktion usw. in Dresden. DJ L_sa gibt Workshops im digitalen Auflegen. Aus so einer Workshopreihe ist das feministische DJ-Kollektiv Prozecco entstanden. Am 13. Oktober halte ich z.B. einenProduktionsworkshop für Anfänger*innen vor dem Molly-Nielson-Konzert organisiert von der Orgagruppe des Festivals böse&gemein im Objekt klein a. Meldet euch!Und tretet bei female:pressure ein! Auf deren e-Mailliste gibt's gute Information undUnterstützung. Manche Mitglieder von female:pressure geben auch Workshops in Berlin wie z.B. die Produzentin und Toningenieurin Maya Sternel, sehr empfehlenswert.

Soundcloud: soundcloud.com/shannon_soundquist

Mixcloud: www.mixcloud.com/shannon_soundquist/

Webseite Shannon-Nyquist-Theorem: de.wikipedia.org/wiki/Nyquist-Shannon-Abtasttheorem

Piratenradio "Outaspace": www.freie-radios.net/6991

Autor: banq.de / Shannon Soundquist (19.09.2017)
xs
sm
md
lg